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Der Mensch ist ein
Tier mit sehr vielen Stacheln
Dürfen wir uns den Single als glücklichen Menschen
vorstellen?
Felicitas von Lovenberg geht in der "Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung" der Frage nach, warum die Einsamkeit das Thema der
Stunde ist.
Kennen Sie den schon: Wie paaren sich Stachelschweine? Die Antwort: Ganz
vorsichtig, damit sie sich nicht aus Versehen gegenseitig umbringen. Und
offenbar ziemlich erfolglos, wenn man bedenkt, wie selten man einer
Familie von Stachelschweinen begegnet. Denn Stachelschweine sind
Einzelgänger - ob aus Mut oder aus Verzweiflung, sei dahingestellt.
Singles sind die Stachelschweine unserer Gesellschaft, borstige
Einzeltierchen, die schon mal jemanden aufspießen können, der sie gegen
den Strich zu streicheln versucht. Noch in den neunziger Jahren von
Soziologen wie Ulrich Beck als "Speerspitze der Individualisierung"
gefeiert, ist der Single inzwischen in unserer von Nachwuchssorgen
tyrannisierten Gesellschaft zum Feindbild geworden.
Zum Bösewicht, der
sich dem kollektiven Imperativ widersetzt, der da lautet: Du sollst
einen Partner, Kinder, eine Ausbildung und einen Beruf haben und dabei
möglichst gesund bleiben. In einem Land, das kaum noch Junge hat und
seine Alten bald nicht mehr finanzieren kann, werden Singles immer
offener als kinderfeindliche Egoisten angeprangert, die nur die eigene
Lustmaximierung im Sinn haben. In Japan nennen sie die Solisten schon
"Parasiten".
Gerade in dem Moment, da es so aussieht, als sei "Single" auch bei uns
gleichbedeutend mit "Versager", erscheint ein leidenschaftliches
Plädoyer für diese Existenzform. Ulf Poschardt, demonstrativer Hedonist,
Bushist und Journalist und philosophierender Fashionista, hat dem
Lebensgefühl der Alleinstehenden ein Buch gewidmet: "Einsamkeit" .
Statt zu Ablenkung, Schönreden und zwanghafter Geselligkeit
rät Poschardt, Zeiten der Einsamkeit und des Alleinseins offensiv zum
Rückzug und zur Reflexion zu nutzen - ganz wie einst Lou Andreas-Salomé
ihrem Geliebten Rilke die bewusst genossene Einsamkeit als Grundlage
aller Lebenskunst empfahl.
Poschardts Buch, das sich übrigens auch als große Kontaktanzeige für den
Posten der Traumfrau lesen lässt, beginnt und endet mit einem Bekenntnis
zur Romantik: "Die Unmöglichkeit, Liebe zu finden, ist die einzige
Entschuldigung für Einsamkeit." Soweit sind sich alle Singles einig,
selbst jene, die die Ehe aus Prinzip ablehnen oder niemals die eigene
Wohnung aufgeben würden. Der zerrissene Kugelmensch Platons träumt noch
immer von der Wiedervereinigung mit seiner anderen Hälfte.
Derart in eigenen Überzeugungen bestätigt, liest man gespannt weiter.
Doch je länger das Buch bestimmte Situationen beleuchtet, die jeder
Single kennt - der eigene Geburtstag; Partys, wo man alle kennt; Partys,
wo man niemanden kennt; alleine einschlafen und so weiter - beschleicht
einen das Unbehagen.
Zu wohlfeil und zu narzisstisch ist Poschardts Lob
der Isolation: Nicht, dass er, wie das viele Singles aus Neid oder Not
tun, die Lebensweise der Paare vorführte oder kritisierte. Er versteht
den Alleingang einfach als Chance zur hemmungslosen, ungestörten
Selbstliebe.
Wer viel erwartet, dem wird das Warten nicht lang. Oder gerade - denn
warum sonst sollte er sich immer wieder dieselben romantischen Komödien
anschauen, die Poschardt ihres Zuversicht verbreitenden Happyends wegen
empfiehlt, von "Pretty Woman", "Notting Hill" und "Tatsächlich Liebe"
über "About a Boy" bis hin zu "Vier Hochzeiten und ein Todesfall"?
Abgesehen davon, dass ausgerechnet "Was das Herz begehrt" darin fehlt,
ist diese Liste der Romantik comedies typisch für das verzerrte Bild,
das so viele Singles von sich haben und nach außen projizieren: Wenn sie
erst einen finden, der ihre Spleens so liebt, wie sie das selbst tun,
dann wird schon alles gut werden.
Will man aber wirklich verstehen,
warum Frauen keine Männer und Männer keine Frauen mehr finden, sollte
man sich einen ganz anderen Film ansehen: das Remake der "Thomas-Crown-Affäre"
mit Rene Russo und Pierce Brosnan, aus welchem auch der Witz mit dem
Stachelschwein stammt.
Thomas Crown ist intelligent, reich, gutaussehend, gebildet, charmant.
Selbstironie macht seine Eitelkeit erträglich. Doch der perfekte Mann im
besten Alter - auch Poschardt geht auf die Vierzig zu - langweilt sich
in seinem Hochglanzleben. Als Crown auf Catherine Banning trifft,
endlich eine Frau seines Kalibers, ist er fasziniert. Beide beschließen,
einander zu erobern - und jeder will dabei die Kontrolle behalten.
Dieses Duell wird schließlich am einzigen Ort ausgefochten, wo ein
Unentschieden zwischen Mann und Frau erlaubt ist: im Bett.
Singles, die sich wie Poschardt zu den wahren Romantikern stilisieren,
sind nicht die Widergänger von so liebenswerten Chaoten wie "Harry und
Sally", sondern von Perfektionisten und Kontrollfreaks wie Thomas Crown
und Catherine Banning. Denn die Kehrseite der Kompromisslosigkeit, die
sie in Liebesdingen für sich beanspruchen, ist ihre eigene Unfähigkeit,
sich auf jemanden einzulassen, der ihrem eigenen Selbstbild womöglich
nicht exakt entspricht. Sie suchen keinen passenden Partner, sondern
einen würdigen Gegner.
Die allermeisten Singles sind der festen Überzeugung, dass die wahre
Liebe sie nur noch nicht gefunden hat, dass aber in dem Moment, wo der
oder die Richtige auftaucht, alles wie von selbst an seinen Platz fallen
wird. Der Glaube daran, dass beim nächsten Mann oder bei der nächsten
Frau wirklich alles anders wird, ist indes nicht unbegrenzt haltbar.
Poschardt, der eine Einsamkeitsspanne von einem Jahr empfiehlt, um die
Kraft des Selbst zu tanken, führt allerlei Feldstudien unter Berliner
Singles seiner Bekanntschaft an, Beobachtungen, die in erster Linie
belegen, dass Fernsehserien wie "Sex and the City" oder "Ally McBeal"
bei der Neurosen- und Spleenausstattung ihrer Charaktere keineswegs so
stark übertrieben haben, wie man bisher dachte.
"Könnte es sein, dass Sie ein Vertrauensproblem haben?" wird Thomas
Crown einmal von seiner Therapeutin gefragt. "Ich vertraue mir
vorbehaltlos", antwortet er. Hier entblößt sich, was kein Single gern
zugibt und wovor auch Poschardt sich drückt:
Das Einzelgängertum
verspricht nicht nur Ruhe, Schönheit und Konzentration, sondern es
erzeugt oft auch ein Überheblichkeitsgefühl, einen grundlosen
Größenwahn, der die kritische Bestätigung durch einen Partner vielleicht
ersetzt, die ersehnte große Liebe aber eines schönen Tages abschrecken
könnte. Mit Poschardts Fibel verlernt der Single endgültig, von sich
selbst einmal abzusehen und auf die anderen zu achten - also genau jene
Tugenden, die Familien hervorbringen und zusammenhalten.
Die optimistische These, dass keiner näher dran ist an einer glücklichen
Zweisamkeit als der geläuterte und nachdenkliche Single - die auch die
Autorin dieses Artikels bereits in einem Buch vehement vertreten hat -,
hat auf dem Beifahrersitz neben Poschardts Ego keinen Platz. Denn seine
Ode auf die Einsamkeit verkennt, dass man sich im Alleingang nur bis zu
einem gewissen Punkt verfeinern kann - weil es keinen Mitspieler gibt,
niemanden, mit dem man die beim Solitaire gewonnenen Einsichten und
Vorsätze ausprobieren kann.
Genuss ist keine Intimität, und Intimität
nicht immer ein Genuss. Erst der nahe Umgang mit anderen zwingt zur
Konfrontation mit den eigenen Unzulänglichkeiten. Da der Single mangels
eines Menschen, auf den er Rücksicht nehmen muss, nicht zur Verstellung,
aber eben auch nicht zur Bescheidenheit gehalten ist, bleibt er sein
eigener größter und wahrscheinlich einziger Fan.
Die von Poschardt porträtierten Singles stilisieren sich selbstgefällig
zu ihrem eigenen Traumpartner und wundern sich allenfalls, dass die
anderen ihre Einzigartigkeit nicht ebenso zu schätzen wissen wie sie
selbst. Umso wichtiger, dass der Inhalt des Kühlschranks stimmt, das
Auto und die Designerklamotte: Solche zwar teuren, dennoch einfachen
Genüsse sind die letzte Zuflucht komplizierter Menschen.
Thomas Crown und Catherine Banning, die zwar miteinander ins Bett gehen,
aber nicht miteinander aufstehen können, jagen ein Phantom. Nicht mehr
jung genug, um alles zu wissen, und zu alt, um alles zu glauben,
erscheint ihnen Zugehörigkeit als Verheißung, gelebte Partnerschaft mit
dem unweigerlichen Aufeinanderprall von Charakter, Einstellungen,
Geschmack jedoch als Drohung. Um der Enttäuschung vorzubeugen und das
eigene Idealbild nicht anzukratzen, werden statt dessen am laufenden
Band Proben inszeniert, die dem Herzensanwärter aber natürlich nicht als
solche angekündigt werden.
Geht man einmal davon aus, dass Manieren, Konversationstalent und
Kleidungsstil im Rahmen des Erträglichen sind - mitnichten
selbstverständlich -, wird die soziale Souveränität getestet. Am
gefährlichsten aber ist der Drang, ständig Gefühlstiefe und -festigkeit
des anderen prüfen zu wollen - natürlich bei sorgfältiger Wahrung der
eigenen emotionalen Unberechenbarkeit. Wenn die Sache dann nach so
kurzer wie heftiger gegenseitiger Probezeit schlecht ausgeht, klopft man
sich beschwichtigend auf die Schulter: Dann war es eben nicht der
richtige Mensch. Die Möglichkeit, dass man selbst versagt haben könnte,
wird nicht in Betracht gezogen.
Weil er weiß, dass die Polizei ihn überwacht und Catherine Banning über
jeden seiner Schritte informiert, lässt sich Thomas Crown mehrmals im
vertrauten Umgang mit einer jungen Frau fotografieren. Und siehe da: Bei
aller Coolness kann die Verfolgerin nicht umhin, ihm zu zeigen, dass
sein Verhalten sie verletzt. Ihre Demütigung ist sein Triumph: Erst
jetzt kann er ihres Interesses sicher sein. Vertrauensbildende Maßnahmen
sehen anders aus.
Sollte Poschardts Porträt der Singles der Generationen Golf bis Porsche
Anspruch auf Gültigkeit haben, werden diese Jahrgänge den Sprung in die
Zweisamkeit nicht mehr schaffen. Statt Familienalltag werden sie noch in
ihren Fünfzigern Katz-und-Maus-Spiele veranstalten - und das auch nur,
wenn sich ein ebenbürtiger Partner einstellen sollte. Noch ist die
Furcht davor, einmal einsam alt zu werden, für sie eher abstrakt. Und
solange Cartier keine biologischen Uhren herstellt, dürften Singles vom
Schlage Poschardts auch in Zukunft nichts weiter ticken hören als ihren
Chronographen.
Frei von Zweifeln an der eigenen Liebeseinstellung, genießt der Solist
stilvoll seine Freiheit - eher ahnend als wissend, dass er etwas
verpasst. Einsamkeit ist "eine Trutzburg gegen die Anpassung", schreibt
Poschardt. Das ist wahr. Einer Trutzburg ähnelt jedoch auch die Haltung
seines Buches. "Wer nicht zuweilen zuviel empfindet, der empfindet immer
zuwenig", fand Jean Paul - so lässt sich auch das Abwehrverhalten der
einzelgängerischen Stachelschweine charakterisieren.
Am Ende der "Thomas-Crown-Affäre" verliert Catherine Banning endlich die
Fassung, allerdings erst, als sie sich unbeobachtet wähnt. Da reicht ihr
eine gepflegte Männerhand ein Taschentuch. Ulf Poschardt tröstet sich
einstweilen selbst. Der wichtigste Satz seines Buches kommt betont
lässig daher: "Locker bleiben." Zwischen Freiheitsjubel und Depression
ist dies der beste Rat, den ein Single sich selbst geben kann.
Mit
freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"
Kostlose
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